Die Samain Stiftung - Erfahrungsbericht von Petra Hofbauer

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Updated: 14.06.2010

Parsberg, April 2010

Erfahrungsbericht von Petra Hofbauer

Pertra auf dem PferdIch möchte Ihnen über meine jahrelangen Erfahrungen vom „Heilsamen Reiten“ am Samainhof berichten. Durch einen schweren Autounfall 1992 wurde ich hoch querschnittgelähmt. Am 7. Halswirbel erlitt ich eine Rückenmarkverletzung, die meine Beine lähmt und die Fingerfunktion stark beeinträchtigt. Ein Riesenschock – damals als 27jährige Frau, die mitten im Leben war: Leitung eines Kindergarten; Reiterin mit eigenem Pferd; leidenschaftliche Tänzerin u.v.m..

Durch die sehr schwere Verletzung hielt ich mich 13 Monate in der Klinik für Rückenmarkverletzungen in Bayreuth auf. Ich lag fast drei Monate im Koma, bekam ein Gehirnödem, mehrere Lungenentzündungen, konnte lange Zeit nicht mehr sprechen und meine Arme auch nicht mehr bewegen. Die Ärzte gaben mir keinerlei Hoffnung, dass ich jemals wieder reiten werde.

In der zweiten Hälfte meines Klinikaufenthaltes organisierte ich mir eine Erdgeschosswohnung, die behindertengerecht erneuert wurde, und kümmerte mich um Assistenzkräfte, also Frauen, die mich pflegen und mir im Haushalt behilflich sind. Bei dem Aufbau meines „neuen Leben“ bekam ich sehr viel Unterstützung in meinem Freundeskreis. Ich lebte zu der Zeit in Eckental zwischen Nürnberg und Erlangen. Und mit meinen Freunden verbrachte ich jedes Wochenende bei meinem Islandpferd. „Mein Pferd streicheln und riechen und bei ihm sein, ihm beim Fressen zuschauen und zuhören, das ist Balsam für die Seele!“. Schon nach kurzer Zeit im Rollstuhl ließ ich mich auf mein Pferd legen und konnte mich tief entspannen!

Wie kam ich zum Pferd?

Petra reitet mit HelfernIch war als 19 Jährige auf der Suche nach Menschen, bei denen ich mich gesehen fühlte, und nach einem Platz, an dem eine Entwicklung für meine Persönlichkeit, für mein Leben möglich sein könnte.  Ich wollte mich von meiner Familie lösen, da meine Mutter psychisch krank war und meine beiden Geschwister drogenabhängig. Ich war selbst in die „Szene“ der Drogenwelt geraten.

Im Anerkennungsjahr als Erzieherin lernte ich den Gestalt- und Psychotherapeuten Sepp Schleicher kennen. Das Islandpferd spielt in seiner therapeutischen Arbeit eine zentrale Rolle. Seine Angebote von Wochenendseminaren und dem dreiwöchigen Sommer–Reiterseminar haben mich sehr angesprochen. Auf meinem ersten Sommerseminar verliebte ich mich in ein weißes Islandpferd, das ich im Frühjahr darauf zu mir holte.

Durch die regelmäßig stattfindenden Seminare entwickelte sich im Laufe der Jahre ein Freundeskreis von Menschen, die sich durch die therapeutische Unterstützung wahrhaftig kennen lernen konnten. Dadurch entstand eine vertrauenswürdige Basis. Durch das Reiten und die Pferdehaltung in Weidegemeinschaften bin ich wieder mit der Natur in Berührung gekommen und in die Verantwortung im Sinne von Weidedienste mit übernehmen, die Pferde füttern, die Weiden abmisten, regelmäßig Reitunterricht nehmen, mit Freunden ausreiten u. s . w.. Das Leben mit den Pferden, das Reiten, meinen Körper spüren gaben mir Lebensfreude und Selbstbewusstsein.

Dann hatte ich den Autounfall mit den Folgen einer Querschnittlähmung.

Durch das Eingebundensein in meinem Freundeskreis und durch die therapeutische Begleitung von Sepp Schleicher habe ich mein Leben nach dem Unfall, mein Leben im Rollstuhl, annehmen können. Nach einiger Zeit habe ich wieder zu Reiten begonnen. Schritt für Schritt wagte ich mich auf mein Pferd - mit einem angefertigten Sattel, einer Stütze für die Hände und mit zwei Begleitern rechts und links von mir konnte ich wieder in die Natur, in die Wälder. Es war eine jahrelange Entwicklung notwendig, um auf dem Rücken meines Pferdes wieder ins Gleichgewicht zu kommen und im Rücken frei beweglich zu werden. Durch das Reiten konnte ich wieder in den Bauch atmen. Und die Rückenmuskulatur hat sich enorm verbessert. Vor allem die Lebensfreude und Energie sind durch das Reiten, durch die Begegnungen mit meinem Pferd trotz der hohen Querschnittlähmung zurückgekehrt.

Und so lebe ich heute:

Im Jahr 2001 machten wir uns auf Hofsuche und gründeten den Samainhof in Parsberg in der Oberpfalz in einem wunderschönen Tal. Auf dem Samainhof leben mittlerweile 30 Menschen, 100 Islandpferde, Ziegen, Katzen, schottische Hochlandrinder, Hühner, Hasen und ein Hund. Seminarbetrieb, eine Reitschule, ein Natur- und Waldkindergarten (von meiner Freundin und mir gegründet), ein Cafe im Sonnenhaus, viele Angebote für Kinder und Jugendliche, Meditationen und Massagen u. v. m. lassen den Samainhof zu einem Platz der Begegnung mit der Natur, sich selbst und dem Anderen werden.

Petra bei PicaderoarbeitSeit 7 Jahren lebe ich am Samainhof mit meinen Freunden und Tieren. Täglich fahre ich mit dem Rollstuhl zu meinem Pferd. Und einmal in der Woche nehme ich eine Reitstunde „Heilsames Reiten“ bei Ursula Wohlfahrt. In jeder Reitstunde mache ich intensive Körperarbeit und Atemtherapie auf dem Pferd. Mittlerweile reite ich eine Stunde ohne Pause. M eine Hände brauche ich kaum mehr abzustützen, weil durch das Reiten wieder meine Bauch- und Rückenmuskeln den Oberkörper halten können – ein unbeschreiblicher Erfolg!

Vor einem Jahr erkrankte ich durch eine tiefe, faustdick vereiterte Dekubitushöhle am Hintern. Ich musste bis vor Kurzen die meiste Zeit liegen. Das hat zur Konsequenz, dass die Muskulatur sich schnell abbaut und die Spasmen in den Beinen zunehmen. Wenn ich im Rollstuhl sitze, schießen meine Beine hoch, und meine Hüfte kommt in Schieflage, was sehr anstrengend ist.

Letzte Woche bin ich seit fast einem Jahr wieder geritten. Erst nahm ich mir vor, höchstens 10 bis 15 Minuten auf meinem Pferd zu sitzen, da die Wunde noch nicht zugeheilt ist. Aber dann hat mich mein Mann auf´s Pferd gesetzt und Ursula Wohlfahrt zusammen mit Manuela Rückerl stärkten und unterstützten mich während dem Reitunterricht so sehr, dass ich eine Dreiviertelstunde geritten bin. Ursula und Manuela haben jahrelange Erfahrungen im Behindertenreiten. Und ich kenne keinen Platz, wo ich besser aufgehoben bin als am Samainhof. Anfangs wehrten sich meine Beine. Und ich saß noch sehr schief im Sattel. Doch nach kurzer Zeit entspannte sich mein ganzer Körper. Meine Beine lockerten und streckten sich, ebenso mein Hals und die Wirbelsäule. Erst war mein Becken ziemlich steif. Und durch die gleichmäßige Pferdebewegung im Schritt rutschte mehr und mehr mein Becken vor und zurück. Als ich freudig, stolz und voller Mut wieder abstieg und im Rollstuhl saß, hatte ich keinerlei Nervenzuckungen in den Beinen mehr. Ich fühlte mich wie neu geboren und voller Energie. Das sind doch wirkliche Heilerfolge, die bei den Krankenkassen immer noch totgeschwiegen und nicht gefördert werden.

Ich habe mich während meiner Reitstunden filmen lassen, damit andere Menschen sehen können, was ich durch das regelmäßige Reiten trotz der hohen Querschnittlähmung erreicht habe. Menschen mit Behinderungen leiden oft an Spasmen, Sehnenverkürzungen, Atemlähmung und an psychischen Störungen. Die Pferde und das „Heilsame Reiten“ ermöglichen behinderten Menschen mehr Gesundheit, mehr Kraft und Selbstvertrauen.

Ich spreche aus eigener Erfahrung und möchte mich dafür einsetzen, dass das „Heilsame Reiten“ bei den Krankenkassen anerkannt und finanziert wird.

Picaderoarbeit mit RollstuhlMir steht alle zwei bis drei Jahre ein REHA–Aufenthalt für  drei bis vier Wochen zu. Der kostet die Krankenkasse 700 Euro am Tag, also mindestens 30.000 Euro. Das „Heilsame Reiten“, das Ausreiten im Wald, das Sein mit meinem Pferd bringt mir mehr Gesundheit und Vitalität als eine REHA. Das „Heilsame Reiten“ kostet in der Stunde (mit Pferd putzen und auf- und absatteln, nach dem Reiten füttern sind es 1 ½ Stunden) 70 bis 100 Euro, je nach Begleitaufwand.  Der Preis ist schon sehr günstig, da das ausgebildete Pferd, die Reithalle, das Sattel- und Zaumzeug und die Helfer natürlich etwas kosten. Das regelmäßige Reiten für behinderte Kinder und Erwachsene sind für körperliche und psychische Verbesserungen notwendig.

Am Samainhof  kamen schon viele geistig- und körperbehinderte Kinder und Erwachsene zum Reiten. Eine regelmäßige Therapie stattfinden zu lassen scheiterte meistens daran, dass die Krankenkassen das „Heilsame Reiten“ nicht anerkennen. Das muss sich ändern!

Ich lade Sie herzlich dazu ein, den Film anzusehen und an die entsprechenden Stellen weiterzureichen. Außerdem würde ich mich sehr freuen, wenn Sie zum Samainhof kommen und wir uns persönlich kennen lernen.

Mit freundlichen Grüssen,

Petra Hofbauer
Holzheim 15
92331 Parsberg

Tel. 09492/95490                                                                                                            

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